{"id":4917,"date":"2024-07-01T18:50:00","date_gmt":"2024-07-01T18:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/leadership2017.wpbuddyflowex.com\/?p=4917"},"modified":"2025-12-06T04:59:23","modified_gmt":"2025-12-06T04:59:23","slug":"sich-der-komplexitat-stellen-ein-unbequemer-impuls-fur-coaches-und-neugierige-teil-1-kategorien-bilden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/leadership2017.wpbuddyflowex.com\/de\/sich-der-komplexitat-stellen-ein-unbequemer-impuls-fur-coaches-und-neugierige-teil-1-kategorien-bilden\/","title":{"rendered":"Sich der Komplexit\u00e4t stellen \u2013 ein unbequemer Impuls f\u00fcr Coaches und Neugierige \u2013 Teil 1 \u201eKategorien bilden\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Vorab ein Experiment<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich lade Sie zu einem Experiment ein. W\u00e4hlen Sie zw\u00f6lf m\u00f6glichst verschiedene Dinge aus Ihrem Umfeld und legen Sie sie vor sich auf den Tisch. Versuchen Sie diese nun in einer f\u00fcr Sie koh\u00e4renten Weise zu gruppieren, zu ordnen oder in eine Reihenfolge zu bringen. Merken Sie sich diese oder machen Sie f\u00fcr sich ein Foto davon. Danach legen Sie die Dinge wieder ann\u00e4hernd in die \u201eungeordnete\u201c Ausgangsposition zur\u00fcck. Bitten Sie nun jemanden, der bislang nichts von Ihrem Experiment mitbekommen hat, es gleichfalls in einer f\u00fcr diese Person stimmigen Weise durchzuf\u00fchren. Anschlie\u00dfend er\u00f6rtern Sie im Gespr\u00e4ch, woran Sie beide sich orientiert haben und was f\u00fcr Sie ausschlaggebend war, bestimmte Dinge einander n\u00e4her und andere mehr auf Distanz zu bringen usw. Lassen Sie sich \u00fcberraschen \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wenn sich die Zeichen mehren<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In den vergangenen Monaten hatte ich vermehrt Coachings, in denen von den Beteiligten kontinuierlich von \u201euns\u201c versus \u201edie anderen\u201c gesprochen wurde. Beide Seiten waren \u00fcberzeugend in ihren Darstellungen und Argumenten und zugleich belastet, \u00fcbervorteilt und verletzt von der jeweils anderen. Auch gesellschaftlich ist dieses Ph\u00e4nomen ausgesprochen popul\u00e4r: Es wird mit Beharrlichkeit in Kategorien eingeteilt und gemauert. Fronten verh\u00e4rten sich und der Handlungsspielraum f\u00fcr einen gemeinsamen Weg wird zusehends enger.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich betrachte es als zentralen Beitrag eines Coachings, Coachees entsprechend ihrem Anliegen zu unterst\u00fctzen, neue Blickwinkel einzunehmen und einen hilfreichen ersten Schritt zu entdecken. Wie ist das m\u00f6glich, wenn scheinbar alles schon klar und unverr\u00fcckbar ist und vom aktuell abgrenzenden Verhalten der Beteiligten sogar noch verst\u00e4rkt wird? Zwei ma\u00dfgebliche Hindernisse m\u00f6chte ich beleuchten, die unter Umst\u00e4nden auch zu kostbaren Ressourcen werden k\u00f6nnen (vgl. Varga von Kib\u00e9d\/Sparrer 20096, 44): Das Bilden von Kategorien und das Ordnen von Dingen.<\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Kategorien bilden<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sollten Sie wie ich online gratis eine Sprache lernen, sind Sie, ob Sie wollen oder nicht, mit Werbung f\u00fcr Spiele konfrontiert. Viele dieser Spiele trainieren daraufhin und belohnen daf\u00fcr, Kategorien zu erkennen und gleichf\u00f6rmig zu behandeln: m\u00f6glichst schnell Kirsche zu Kirsche, pinker Saft zu pinkem Saft, Kachel zu Kachel usw. Wir lernen, bevorzugt Kategorien wahrzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kategorien oder \u201eSchubkasten\u201c zu denken erm\u00f6glicht es uns, \u201ein komplexen und in sich wiederholenden Situationen erh\u00f6hte Handlungsf\u00e4higkeit zu schaffen, indem [\u2026] aufgrund einer schematischen \u00c4hnlichkeit der Erfordernisse die L\u00f6sungen von einem Bereich auf den anderen \u00fcbertragen werden\u201c(Varga von Kib\u00e9d\/Sparrer 20096, 76). Aber welchen Preis zahlen wir f\u00fcr diese Erleichterung?<\/p>\n\n\n\n<p>Nora Bateson beschreibt diesen Preis: \u201eDer Prozess der Zuordnung zu einer Kategorie beinhaltet das Weglassen von Details. Je mehr Details weggelassen werden, desto allgemeinere Kategorien werden definiert und desto abstrakter wird die Beschreibung.&#8221;(Bateson 2023, 24) Wir bilden Kategorien, indem ausgew\u00e4hlte gemeinsame Details als relevant eingestuft und bevorzugt im Blick behalten und andere unter den Tisch fallen gelassen werden. Dieser Umstand ist besonders kritisch zu beleuchten, wenn wir nicht mehr nur vom Bereich des Mechanischen sprechen, sondern im selben Schema in jenen des Organischen wechseln. Einige Beispiele dazu:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Menschen k\u00f6nnen den Kategorien \u201eEinheimische\u201c und \u201eZugewanderte\u201c zugeteilt werden. Au\u00dfer Acht bleibt, wie lange jemand irgendwo leben muss, um auch als einheimisch zu gelten. Manche \u201eZugewanderte\u201c sind sogar hier geboren und sprechen die lokale Mundart. Sie sind jedoch z.B. erst in der zweiten Generation im Land und m\u00fcssen noch Jahre auf die Zuerkennung ihrer neuen Staatsb\u00fcrgerschaft warten.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich kann Menschen in \u201eGebildete\u201c und \u201eBildungsferne\u201c unterscheiden und mich dabei an deren akademischer Bildung orientieren. Ich vernachl\u00e4ssige dabei, welche Kenntnisse und F\u00e4higkeiten Menschen in ihrer beruflichen oder ehrenamtlichen Praxis erworben haben. Und wie sieht es mit jenen Kenntnissen aus, die generationen\u00fcbergreifend innerhalb der Familie weitergegeben wurden? Ganz abgesehen davon, dass mit dem Umstand der genossenen Bildung kein Automatismus hinsichtlich eines wertvollen Beitrags f\u00fcr die Gesellschaft einher geht.<\/li>\n\n\n\n<li>Die funktionale Unterscheidung in \u201eF\u00fchrungskr\u00e4fte\u201c und \u201eMitarbeitende\u201c betont das unterschiedliche Ausma\u00df an Verantwortung, wenn es darum geht, ma\u00dfgebliche Weichenstellungen und die Umsetzung des gemeinsamen Ganzen im Unternehmen zu gew\u00e4hrleisten. Sie ist jedoch meist auch mit erheblichen Statusunterschieden und Kompetenzzuschreibungen verbunden, die scheinbar der jeweiligen Person anhaften, selbst wenn diese sich au\u00dferhalb des Kontexts des Unternehmens und ihrer Funktion bewegt.<\/li>\n\n\n\n<li>Sp\u00e4testens bei der Formulierung der Kategorien \u201egebildete einheimische F\u00fchrungskr\u00e4fte\u201c und \u201ebildungsferne zugewanderte Mitarbeitende\u201c fehlen schon sehr viele relevante Details. Diese Details sind aber entscheidend, wenn beispielsweise Ans\u00e4tze f\u00fcr eine L\u00f6sung des Fachkr\u00e4fte-Mangels in Betrieben entwickelt werden sollen. Und selbst die hier von mir zusammengestellte Einteilung erzeugt Kategorien, die weitere Variationen au\u00dfer Acht l\u00e4sst.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Wenn Sie auf unser Experiment zur\u00fcckblicken: Welche Gegenst\u00e4nde haben Sie als mehr oder weniger verbunden betrachtet? Nach welchen Kriterien haben Sie Kategorien gebildet: nach Gr\u00f6\u00dfe, Material, Form, Art und Weise der Verwendung, lebendig oder nicht lebendig, Farbe, Temperatur, Gewicht usw.? Welche Aspekte haben Sie dabei jeweils zur\u00fcckgestuft? M\u00f6glicherweise haben Sie im Gespr\u00e4ch danach festgestellt, dass diese Kategorien je nach Person und individueller Pr\u00e4ferenz unterschiedlich gesetzt wurden oder auch mit pers\u00f6nlichen Geschichten verbunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Carol Black thematisiert dazu eine Beobachtung: \u201eWenn Sie Menschen aus urbanen, nicht-indigenen Kulturen bitten, eine Liste von Pflanzen und Tieren in Gruppen aufzuteilen, werden sie dies in der Regel taxonomisch tun und sie in die Kategorien S\u00e4ugetiere, V\u00f6gel, Fische und Pflanzen einteilen. Fragt man indigene Menschen, so tun sie es vielleicht nach \u00f6kologischen Gesichtspunkten, indem sie Schildkr\u00f6te, Weide, Reiher und Biber in dieselbe Gruppe einteilen, weil sie alle in einem Feuchtgebiet leben.\u201c(Black, 12\/15) Weiters berichtet Black von einer Untersuchung des Psychologen Michael Cole, der Mitgliedern des Kpelle-Volkes in Liberia einen WISC-Test[1] vorlegte und feststellte, dass diese durchg\u00e4ngig ein bestimmtes Messer und eine Kartoffel derselben Kategorie zuordneten mit der Begr\u00fcndung, dass das Messer benutzt werde, um die Kartoffel zu schneiden.(Ebd.)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kategorien verfl\u00fcssigen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kategorien existieren nicht f\u00fcr sich. Sie sind Ausdruck unserer biographisch, generations\u00fcbergreifenden, kulturell, gesellschaftlich, wissenschaftlich usw.&nbsp; gepr\u00e4gten und gewohnten Bedeutungszuschreibung, unseres Denkens und Handelns. Wir konstruieren Kategorien und halten sie aufrecht, indem wir in unserer Wahrnehmung gezielt auf das in den Kategorien zum dominanten Detail Erkl\u00e4rten fokussieren. Die gute Nachricht: Was wir geschaffen haben, k\u00f6nnen wir \u2013 so wir wollen \u2013 meist auch wieder neugestalten oder zumindest hinterfragen. Wir k\u00f6nnen beispielsweise unsere Aufmerksamkeit integrierend auf die zuvor weggelassenen Details lenken, uns in eine Haltung des Erkundens begeben und Kategorien wieder verfl\u00fcssigen. In diesen Details liegen wichtige kontextbezogene Informationen, die die jeweilige Beziehungskonstellation in deren Unverwechselbarkeit ausmachen. Es braucht viel \u00dcbung, aber wir werden staunen, was wir bislang noch nicht wahrgenommen haben.[2]<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel aus dem Pflanzenreich von Robin Wall Kimmerer: \u201eDie ersten Tage sind immer am aufregendsten, denn die Studenten lernen, die diversen Moosarten zu unterscheiden, erst mit blo\u00dfem Auge, dann mit der Lupe. Ich f\u00fchle mich wie die Geburtshelferin einer Erweckung, wenn ihnen erstmals klar wird, dass ein bemooster Stein nicht nur mit \u201aMoos\u2018, sondern mit zwanzig unterschiedlichen&nbsp;<em>Arten<\/em>&nbsp;von Moos bedeckt ist [\u2026]. Mit den wenigen, rudiment\u00e4ren Komponenten St\u00e4ngel und Blatt hat die Evolution weltweit um die 22 000 Moos-Arten hervorgebracht. Jede ist die Variation eines gemeinsamen Grundthemas \u2013 eine einzigartige Kreation, designt f\u00fcr den Erfolg in winzigen Nischen des jeweiligen \u00d6kosystems.\u201c(Kimmerer 2023, 24.26) Wem sich diese Welt der Vielfalt er\u00f6ffnet, wird k\u00fcnftig kaum mehr verk\u00fcrzt Moos sehen, sondern tritt bereits mit einer anderen Aufmerksamkeitshaltung an sie heran.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Nora Bateson ihren Vater Gregory Bateson zitiert mit \u201eIt\u2019s not just that and nothing more\u201c(vgl. Bateson N. 2023, 39), handelt es sich im Besondern um die Einladung, genauer wahrzunehmen und zu lernen, die Dinge in deren vielf\u00e4ltiger Verflechtung und Ver\u00e4nderung zu erkunden und nicht nur als starren und isolierten Status Quo. \u201eMeet not match the shape of trouble\u201c lautet Nora Batesons Empfehlung: \u201eSich der Form des Problems anzupassen [to match] bedeutet, nur von dem Problem auszugehen, wie es zum Ausdruck kommt und sich nicht um das Gewirr zu k\u00fcmmern, aus dem es entstanden ist, oder um das Gewirr, in das sich eine unbesonnene Aktion weiter aufgliedern wird. [\u2026] Sich der Form des Problems zu stellen [to meet], ist ein Ansatz, der von dem Wissen getragen ist, dass eine Vielzahl von kontextuellen Ver\u00e4nderungen zum Ausdruck kommt \u2013 wobei die m\u00f6glichen Grenzen der \u00f6kologischen Kommunikation innerhalb der Situation verschoben werden.\u201c(Ebd., 30, \u00dcbers. und Hervorhebung: MU)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Coaching \u2013 und auch dar\u00fcber hinaus \u2013 lohnt es sich, gewohnte Kategorien zu hinterfragen und Details einzubeziehen: Selbst wenn etwas bisher so war, was ist Ihnen auf Zukunft hin dabei besonders wichtig? Wer oder was ist daf\u00fcr einzubeziehen und zu ber\u00fccksichtigen? Wer\/was noch? Wen\/Was haben Sie dabei m\u00f6glicherweise bisher \u00fcbersehen? Was zeichnet deren\/dessen Lebenswelt aus? Was k\u00f6nnen Sie selbst dazu beitragen, dass Ihr n\u00e4chster Schritt f\u00fcr die anderen Beteiligten gut\/besser annehmbar ist? Usw. Es geht darum, sich in eine m\u00f6glichst offene Haltung des Fragens und Erkundens zu begeben, selbst dort, wo bisher eindeutiges Wissen angenommen wird. Eine Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin meinte k\u00fcrzlich am Ende des Coachings: \u201eIch werde mich im Hinblick auf mein Team wieder mehr am Nicht-Wissen orientieren. Ich werde weniger ver\u00e4rgert einfordern und stattdessen nachfragen, wie die Beteiligten die Dinge sehen, welche M\u00f6glichkeiten in Betracht zu ziehen w\u00e4ren oder was sie brauchen. Ja, ich werde wieder mehr nachfragen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil von<strong>&nbsp;\u201e<\/strong><em>Sich der Komplexit\u00e4t stellen \u2013 ein unbequemer Impuls f\u00fcr Coaches und Neugierige\u201c&nbsp;<\/em>beleuchte ich die besondere Herausforderung, die entstehen kann, wenn wir&nbsp;<em>Dinge ordnen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>[1] WISC-Tests (Wechsler Intelligence Scale for Children) dienen der Erfassung kognitiver F\u00e4higkeiten von Kindern und Jugendlichen. Sie haben mehrere Revisionen erfahren. Insbesondere im kultur\u00fcbergreifenden Einsatz wird deutlich, auf welchen ausgesprochen kritisch zu hinterfragenden partikul\u00e4r-kulturellen Pr\u00e4missen ein WISC aufgebaut ist.<\/p>\n\n\n\n<p>[2] Meine Kollegin Friederike Feuchte verwies mich in diesem Zusammenhang auch auf das von Am\u00e9lie Mummendey und Michael Wenzel entwickelte \u201eEigengruppenprojektionsmodell\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8212;-<\/p>\n\n\n\n<p>Literaturverzeichnis<\/p>\n\n\n\n<p>Bateson, Nora, Combining, Axminster\/England, Triarchy Press 2023.<\/p>\n\n\n\n<p>Black, Carol, A Thousand Rivers. What the modern world has forgotten about children and learning. https:\/\/carolblack.org\/a-thousand-rivers<\/p>\n\n\n\n<p>Kimmerer, Robin Wall, Das Sammeln von Moos. Eine Geschichte von Natur und Kultur. Berlin 2023.<\/p>\n\n\n\n<p>Varga von Kib\u00e9d, Matthias und Sparrer, Insa, Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen \u2013 f\u00fcr Querdenker und solche, die es werden wollen, Heidelberg 20096.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorab ein Experiment Ich lade Sie zu einem Experiment ein. W\u00e4hlen Sie zw\u00f6lf m\u00f6glichst verschiedene Dinge aus Ihrem Umfeld und legen Sie sie vor sich auf den Tisch. Versuchen Sie diese nun in einer f\u00fcr Sie koh\u00e4renten Weise zu gruppieren, zu ordnen oder in eine Reihenfolge zu bringen. 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